Denkmalschützer halten Abriss für illegal
LINDAU - Beim zweiten Treffen der "Aktion rettet den Lieben Augustin" haben wichtige Denkmalschützer den geplanten Abriss der Häuser in der Ludwigstraße illegal genannt. Ansonsten war bei dem zweistündigen Treffen im Sünfzen die Empörung groß, der Rat, ob und wie der Abriss zu verhindern ist, jedoch klein.
Es gibt keinen Zweifel. Der geplante Abriss des Lieben Augustin bringt Denkmalschützer und Heimatpfleger aus nah und fern auf die Palme. Die Angelegenheit hat mittlerweile eine breite Resonanz, was sich daran zeigte, dass Experten aus ganz Bayern zu der Sitzung in Lindau gekommen waren. "Es gibt in ganz Schwaben keine Gemeinde, die ein Haus mit einem Dachstuhl aus dem 15. Jahrhundert zum Abriss freigibt", sagte etwa Peter Fassl, der Heimatpfleger des Bezirks Schwaben aus Augsburg. Martin Wölzmüller, Geschäftsführer des bayerischen Landesverbandes für Heimatpflege findet vor allem die Tatsache, dass eine Abbruchgenehmigung erteilt werden soll, ohne dass ein Bauplan für die neuen Gebäude da ist, ungeheuerlich: "Das ist die Katze im Sack - und aus dem Sack könnte später ein tollwütiger Marder rauskommen!" Und Wolfgang Eberl, auf Denkmalschutz spezialisierter Jurist beim Landesverband für Heimatpflege, hält die Entscheidung des Bauausschusses schlicht für illegal, für nicht vereinbar mit der bayerischen Verfassung.
Gleichwohl ist zumindest den bedächtigeren Beteiligten einigermaßen klar, dass gegen die Entscheidung des Bauausschusses voraussichtlich nicht allzu viel zu machen ist. Jedenfalls dann, wenn sie vom Stadtrat in der nächsten Sitzung am kommenden Dienstag nachvollzogen wird. "Die Gretchenfrage ist doch", so Aktionsmitglied und Amtsgerichtsdirektor Paul Kind, "was machen wir, wenn der Stadtrat die Entscheidung des Bauausschusses nachvollzieht?" Und nachdem er sich in der vergangenen Woche mit einigen Stadträten unterhalten habe, sei sein Eindruck: "Die lassen sich ihren Bauausschuss nicht abschießen!" Und auch bei Oberbürgermeisterin Petra Seidl, die als klare Befürworterin des Abbruchs gilt, rechne er nicht mit einem Sinneswandel: "Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass Frau Oberbürgermeisterin ihre Meinung ändert."
Auch Denkmalschutzjurist Eberl musste einräumen: "Rechtsmittel gibt es in dem Fall keine." Nur "um die Ecke" könne man versuchen, die Rechtsaufsichtsbehörde (Regierung von Schwaben) zu aktivieren. Das könne jedoch nur ein Versuch sein, denn man könne die Regierung nur bitten, nicht aber zwingen, im Sinne des Denkmalschutzes einzugreifen.
Resolution verfasst
Aus diesem Grund hat sich die Aktion jetzt darauf verständigt, eine Resolution zu verfassen, die an die Regierung von Schwaben, die Oberste Baubehörde und das Wissenschaftsministerium geschickt werden soll. Darin soll erstens auf die Rechtswidrigkeit des Abbruchs aufmerksam gemacht werden, zweitens darauf, dass der Abbruch der Häuser nicht sinnvoll sei, und drittens will die Aktionsgruppe darum bitten, die Entscheidung des Stadtrats zu vertragen.
Und ansonsten wurde viel geschimpft in dieser Sitzung. Nachdem Bayerischer-Hof-Chef Robert Stolze trotz Einladung nicht zu dem Termin gekommen war (nachdem er beim ersten Treffen der Aktion rausgeschmissen worden war), ließen die 28 Aktionsmitglieder ihren Unmut an jenen aus, die nicht dabei waren. Aktionssprecher Klaus Burger kritisierte die Stadtverwaltung, namentlich Stadtjurist Achim Frey, der die Vorlage für die Bauausschusssitzung abgesegnet habe: "Ich weiß nicht, wie Frey zu seiner Vorlage kommt. - Wohin ist die Verwaltung dieser Stadt gekommen?"
Angela Heilmann (die, wie sie betonte,als Privatperson und Ortsheimatpflegerin gekommen war) nannte den Abbruch "völlig unverständlich" und nannte es "merkwürdig", dass sie über die Abrisspläne nicht informiert worden sei. Kreisheimatpfleger Werner Dobras fand die Entscheidung des Bauausschusses schlimm und vermutet Mehrklassenrecht: "Es kotzt einen an: Der eine darf, weil er Doktor Stolze heißt!" Uli Hammann stellte fest, dass es "Stolze gelungen ist, den Bauausschuss über den Tisch zu ziehen und zu verköstigen". Erich Jörg vom Bund Naturschutz stellte Gemeinsamkeiten von Denkmalschutz und Naturschutz fest und forderte Heilmann auf, die Konsequenzen zu ziehen und als Ortsheimatpflegerin zurückzutreten.
Werner Berschneider schließlich, der sein Haus in der Maximilianstraße mühevoll nach allen denkmalschützerischen Auflagen renoviert hat, forderte schließlich, an die Öffentlichkeit zu gehen und "hundert oder tausend Leute" zu mobilisieren, die sich gegen den Abriss wenden. Und wenn alles nicht mehr helfe ("Das wäre eine Granate!"), sollten zehn oder 20 Lindauer ebenfalls beantragen, ihre denkmalgeschützten Häuser abzureißen und auf den Präzedenzfall Lieber Augustin verweisen.
(Erschienen: 11.02.2009)